Sportschau meldet: Viele Fans "fremdeln" mit ihrem Fußball

VfL Wolfsburg Stadion / wolfsburgfans.de
VfL Wolfsburg Stadion / wolfsburgfans.de

Die Zeit der Geisterspiele ist vorbei, unter bestimmten Bedingungen dürfen Fußballstadien sogar wieder voll belegt werden. Trotzdem gestaltet sich der Ticketverkauf vieler Vereine eher mau, die Fans scheinen mit König Fußball zu fremdeln. Was steckt dahinter? Und wie sehen die Zahlen aus?

Mau wie nie: Nur 8.000 Fans wollten Hoffenheim sehen

Bei Hoffenheims letzten drei Heimspielen hätte 15.000 Zuschauer kommen dürfen, 8.000 wollten aber nur rein. Hertha BSC hätte gern 25.000 Fans in ihrer Arena willkommen geheißen, gekommen sind 18.000 bis 21.000 Menschen, je nach Spiel. Als der VfL Wolfsburg gegen Leipzig antrat – eigentlich ein Premium-Spiel! – blieben einige der verfügbaren 13.000 Karten liegen. Nicht jeder Verein scheint betroffen, beim FC Bayern München klingelt die Kasse wie gewohnt weiter und auch der 1. FC Köln kann sich nicht beklagen: Beide Clubs sind in letzter Zeit sämtliche Tickets losgeworden. Wo hakt es bei den anderen?

"Hoher" Stellenwert nur noch für 50 Prozent vorhanden

Die TU Dortmund fragte sich genau das und tat sich mit den ortsansässigen Borussen zusammen, um eine Studie durchzuführen. 28.000 Dortmund-Fans kamen zu Wort, sie sollten den Forschenden mitteilen, welche Rolle der Fußball in ihrem Leben einnimmt. Ein erstes Zwischenergebnis ist da, und das überrascht.


Für mehr als 80 Prozent der Befragten besaß der Fußball 2019 einen hohen Stellenwert. Dieser überwältigende Anteil ist bis Frühling 2021 auf knapp 50 Prozent geschrumpft. Es scheint, als seien die Herzen abgewandert, vielleicht sind sie aber auch nur mit neuen Alltagsproblemen beschäftigt. Frischen Wind in die Sache könnten Sportwetten bringen, sie sind echte Adrenalin-Treiber. Auf Portalen wie wettformat.com finden sich Sportfreunde aller Art zusammen, um Geld auf ihre Lieblingsvereine zu setzen – oder, wenn es hart kommt, auch mal auf die Konkurrenz. Wer die Aussicht auf beachtliche Geldgewinne hat, fiebert ganz von selbst wieder mehr mit, ob im Stadion oder vor dem Fernseher.

Vielleicht heilt die Zeit die aufgerissenen Wunden

Vielleicht braucht es auch einfach nur Zeit, bis ein Teil der Fans sich wieder ans normale Fußballfieber gewöhnt. Die letzten Monate waren für alle belastend, irgendwann ist die Aufarbeitung vorbei und das Herz wieder frei zum Toben, Jubeln und manchmal auch zum Trauern. Sprich: Das echte, anfassbare Fußballleben muss wieder erlernt und gelebt werden, und das geht nicht bei jedem von heute auf morgen. Nur bei den Bayern- und Köln-Verehrern, die sind irgendwie anders.


Ähnliches offenbart auch die Studie: Etwa 90 Prozent der Teilnehmer gaben an, demnächst wieder bei Borussia-Spielen live mit dabei sein zu wollen. Die restlichen 10 Prozent geben sich unentschlossen, sie können sich vorstellen, die Stadionbesuche komplett zu canceln. Einige führen Fehlentwicklungen im Fußball als Grund an, vor allem die fortschreitende Kommerzialisierung in Form horrender Star-Gehälter stößt auf Kritik. Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der Borussia-Dortmund-Geschäftsführung, erklärt dazu: "Auf der anderen Seite nehmen wir aber selbstverständlich auch die Kritikpunkte der Fans an bestimmten Entwicklungen im Fußball wahr und werden diese in unsere internen Überlegungen mit einbeziehen." Allerdings konkretisiert er weder die "bestimmten Entwicklungen" noch die "internen Überlegungen". Die Fußballfreunde dürfen also rätseln.

Die Nationalmannschaft steht nicht mehr hoch im Kurs

Ob sich in der Bundesliga tatsächlich etwas ändert oder nicht, hängt sicher davon ab, ob die Fans von selbst zurückkehren oder weiter fernbleiben. Halbleere Ränge mag niemand gern, das liegt nicht nur am traurigen Anblick, sondern auch daran, dass die Euros in der Kasse fehlen. An einem weiteren Grund für die Abkehr vom Fußball kann jedoch weder Borussia noch ein anderer Bundesliga-Verein etwas ändern: Die Nationalmannschaft steht nach ihren jüngsten Misserfolgen nicht mehr hoch im Kurs, die Fans sind enttäuscht und wenden sich im erheblichen Maße ab. Insgesamt drückt das kräftig auf die Fußballlaune und hat eben auch Auswirkungen auf die Bundesliga.


Nationalelf Nationalmannschaft - hbw_pictures / Shutterstock.com

Heerscharen von Fans bleiben am Ball

Die Zeit der großen Fußballfeste beim Public-Viewing, in Auto-Korsos und auf den Straßen der Städte scheint vorbei – oder zumindest unterbrochen. Der ganz große Freudentaumel, das in den Armen-Liegen, das gemeinsame Feiern, Tanzen und Johlen müssen wir erst wieder lernen. Damals gehörte dies alles zum Fußball fest dazu, bevor die Nationalmannschaft ihr Leistungstief auslebte und alle Menschen monatelang in den Häusern verschwanden. Wird es eines Tages wieder so sein wie früher? Niemand weiß es, nur eins steht fest: König Fußball sitzt weiter auf dem Thron, Heerscharen von Anhängern bleiben nicht nur sprichwörtlich am Ball. Und die anderen kehren vielleicht bald zurück.